|
Doch
zunächst ließ es sich Dürrmann nicht nehmen,
einen kleinen Rückblick auf die vergangenen 15 Jahre
der regelmäßigen Fachtagung zu halten. "Mit
unserem heutigen Thema greifen wir zentrale, immer wieder
thematisierte Positionen auf. Sie haben offensichtlich nichts
an Aktualität verloren", sagte er zur Begrüßung.
Schon
1993/94 hätten die Interessen, Bedürfnisse und Rechte
von Menschen mit Demenz im Mittelpunkt der Erfahrungsberichte
und Vorträge gestanden, "und damals wie heute sehen
wir diese Interessen, Bedürfnisse und Rechte im Bereich
der Altenhilfe als nicht umfänglich wahrgenommen, vertreten
und somit in weiten Teilen auch nicht als berücksichtigt
an."
So
rankten sich auch in diesem Jahr alle Beiträge um die
Frage, wie Menschen mit Demenz angemessen - also besser -
betreut und begleitet werden können. Das kann mit Fug
und Recht als nationale Herausforderung bezeichnet werden,
auch angesichts des "Entwurfs eines Gesetzes zur Neuausrichtung
der Pflegeversicherung (PflegeNeuausrichtungsGesetz - PNG)"
sowie der 16 unterschiedlichen Heimgesetze, die der Altenhilfe
laut Dürrmann einen "Zustand wie nach dem Westfälischen
Frieden" bescheren und sich auch zunehmend mit dem mit
dem SGB XI und dem WBVG auf Bundesebene beißen.
CARESTYLE-Chefredakteurin
Swaantje Düsenberg sprach mit Peter Dürrmann nach
der 15. Holler Runde darüber, warum dort trotzdem Aufbruchstimmung
herrschte. Das folgende Interview ist mit freundlicher Genehmigung
des Herausgebers, der DVLAB Service GmbH, ein Vorabdruck aus
Heft 1.2012 der Zeitschrift CARESTYLE.
Carestyle:
Herr Dürrmann, wie haben Sie die 15. Holler Runde erlebt?
Dürrmann: Das war wirklich eine der Tagungen,
die etwas bewegen könnte. Zusammen mit unseren Referenten
ist es gelungen, einen praxisrelevanten und umsetzbaren Paradigmenwechsel
in der Begleitung von Menschen mit Demenz- und Pflege ist
nur ein Teil davon - aufzuzeigen.
Carestyle:
Ihr Programm legt nahe, dass Sie Sichtweisen der vollstationären
Pflege in Richtung ambulante und teilstationäre Versorgung
verändern möchten.
Dürrmann: So ist es. Genau dorthin müssen
wir uns bewegen, wenn wir die Situation von Menschen mit Demenz
tatsächlich verbessern wollen. Und neue Wege beginnen
bekanntlich im Kopf. Heißt: Die Altenhilfe muss die
Versorgung ausdifferenzieren und zugleich neu, modern vernetzend
denken.
Carestyle:
Warum? Wo ist das Problem?
Dürrmann: Das Problem? Es gibt viele, und zwar
auf unterschiedlichen Ebenen. Eines ist die kostenträchtige
Fehlversorgung von Demenzkranken mit der Pflegestufe 1 im
Heim. Deren Interessen, Bedürfnisse und Rechte erfahren
keine ausreichende Geltung. Oder nehmen sie jemanden in Pflegestufe
2. Sozialrechtlich wird er derzeit - zugespitzt formuliert
- auf einen somatischen "Pflegefall" reduziert,
weil uns bei den gängigen Personalschlüsseln vollstationär
einfach die Präsenzkräfte fehlen.
Die Folge: Die krankenpflegeorientierte Funktionspflege geht
mit einer erheblichen Gefährdung einher, weil der Betroffene
dauerhaft beaufsichtigt werden müsste, aber nicht wird.
Carestyle:
Hoffen Sie mal lieber nicht auf die baldige Einführung
eines neuen Pflegebedürftigkeitsbegriffs!
Dürrmann: Nein, ich bin ja nicht naiv. Aber Sie
sollten das geplante PNG trotzdem genau lesen. Wir alle hätten
uns zwar eine zukunftsweisende Reform gewünscht, aber
dennoch bietet sie uns auch Chancen, gerade für bedarfsgerechte
Konzepte für Menschen mit Demenz. Hierzu war die 15.
Holler Runde wegweisend und aufrüttelnd.
Carestyle:
Bedarfsgerechte Konzepte sind ja wohl kaum zu finanzieren.
Ich habe jedenfalls im PNG nicht gelesen, dass die Leistungen
für vollstationäre Demenzkranke aufgestockt werden.
Dürrmann: Das sind doch lobbyistische Argumente.
Ambulant und teilstationär vor stationär ideologisch
verfestigt zu betrachten heißt Besitzstandswahrung!
Der Auftrag der Altenhilfe lautet aber, eine zeitgemäße
Angebotsstruktur zu schaffen. Wir müssen zum Wohle der
Betroffenen umdenken.
Die
15. Holler Runde hat vor allem gezeigt, dass quartiersbezogene
Projekte, die ambulante und teilstationäre Leistungsspektren
intelligent vernetzen, für sehr viele Menschen mit Demenz
zukunftsträchtig sind. Und übrigens auch für
die Beschäftigten und Anbieter.
Die stationäre Versorgung, beispielsweise in Pflegeoasen,
rückt damit ganz ans Lebensende. Und da gehört sie
auch hin. Vorher bieten Wohngemeinschaften, also die "eigene
Häuslichkeit" mit zusätzlicher Anmietung von
Gemeinschaftsräumen und der Tagespflege gute Alternativen
neben dem Heim. Das stützt auch das derzeitige und zukünftige
Leistungsrecht.
|
|


Stefan
Dzulko (oben) und Sascha Iffland (mitte) erläuterten zusammen
mit Peter Dürrmann wie eine intelligente ambulante quartiersbezogene
Versorgung unter Einbindung von Wohngemeinschaften und Tagesstätten
zum Wohle aller Beteiligten gelingen kann. |
Carestyle:
Sie haben offenbar schon ein Modell im Visier.
Dürrmann: Kein Modell, sondern ein konkretes und bereits
begonnenes Vorhaben: Wir verabschieden uns in Holle zum 1. Mai 2012
komplett von unserem vollstationären Betrieb, dem Haus Silberkamp
für 36 Bewohner. Neu entsteht ein Mietshaus mit vier ambulanten
familienbegleiteten Wohngemeinschaften und Altenwohnungen für
34 Menschen, in denen nun die Mieter definieren, was sie wünschen.
Sie sind der Souverän - und wohnen zugleich in direkter Nachbarschaft
zu unserer Tagespflege. Mit diesen modernen ambulanten Strukturen
schaffen wir 1. die vollstationären Überkapazitäten
ab, 2. holen wir jene Menschen mit Demenz aus der vollstationären
Unterbringung, die da nicht hingehören, 3. bieten wir mehr Leistung
für die Betroffenen durch eine bessere Versorgung, zum Teil einer
Verdoppelung des Personal und mit einer rund um die Uhr Präsenz,
was 4. den Betroffenen wie den Beschäftigten zu Gute kommt und
5. die nun "ambulantisierten Kunden" keinen Cent mehr kostet,
weil sie jetzt mehr in der Tasche haben als vollstationär und
ihre Mittel zudem "poolen" können.
Carestyle:
Wow, ich staune!
Dürrmann: Das haben wir alle beim ersten Durchdenken
der Optionen.
Carestyle: Bitte mal vorrechnen.
Dürrmann: Gern. Nehmen wir erstmal 2012. Da erhält
ein Mensch mit Demenz in Pflegestufe 2 nach SGB XI vollstationär
monatliche Leistungen in Höhe von 1.379 €, ambulant aber
1.979 €. Im Vergleich stationär zu ambulant heißt
das:
- 1.279 zu 1.100 € Sachleistungen (§36),
- 100 zu 200 € zusätzliche Betreuung (§45),
- 0 zu 550 € Tagespflege (§ 41),
- 0 zu 129,16 € Verhinderungspflege (§ 39).
Wenn wir jetzt die gleiche Rechnung für 2013 mit den dann verbesserten
ambulanten Leistungen für Demenzkranke aufmachen, dann vergrößert
sich der Unterschied weiter. Dann bleibt es bei Pflegestufe 2 stationär
bei 1.379 €, ambulant erhalten Sie bis zu 2.404,16 €.
Carestyle:
Und stecke meine Mittel dann in den WG-Topf ...
Dürrmann: ... eben um durch dieses Poolen eine rund
um die Uhr Betreuung bei deutlich verbesserter Personalsituation
zu erzielen. Wenn sich also z.B. eine vollstationäre Gruppe
von 16 Demenzkranken in zwei Wohngemeinschaften à 8 Personen
ambulantisiert, jeder seine eigene Häuslichkeit besitzt und
alle Mittel gebündelt werden, gewährleisten wir damit
- jeweils im Früh- und Spätdienst drei statt zwei Beschäftigte,
- rund 39 Stunden "Alltagsbegleitung",
- eine bedarfsorientierte Nutzung zusätzlicher Betreuungsleistungen
nach § 45 f SGB XI,
- täglich 5 Stunden Hauswirtschaft in der Wohnküche,
- einen 10-stündigen Nachtdienst durch Fachkräfte,
- die Reinigung der Apartments und Gemeinschaftsflächen,
- die stetige Anwesenheit einer Fachkraft am Tag (2 + 1 = 3 Beschäftigte)
zzgl. Pflegedienstleitung,
- statt einer engen Personalschlüsselfixierung eine Personalausstattung
über eine Budgetregelung.
Und? Hört sich das gut an?
Carestyle:
Sensationell! Und die Kombination von Wohngemeinschaft und Tagespflege
würde vielen Demenzerkrankten richtig weiterhelfen.
Dürrmann: Ja, denn die Nutzer haben bereits eine Versorgung
über 24 Stunden finanziert. Jetzt kommt die Tagespflege mit
ihrem Personal hinzu. Die Menschen mit Demenz können selbst
entscheiden, wann, wo und wie das "überzählige"
Personal aus der WG gut eingesetzt wird. Das Ziel: einfach mehr
Lebensqualität.
Carestyle:
Vorausgesetzt, die Altenhilfe häutet sich, liest die Gesetze
richtig und denkt ambulant, teilstationär und vollstationär
nicht in einem Entweder-Oder-, sondern in einem Und-System.
Dürrmann: Sehen Sie, das ist neues und modernes Denken!
In diesem Sinne kann den Menschen mit Demenz und den Beschäftigten
auch das PNG helfen.
Carestyle: Danke für diese Schlaglichter auf die 15.
Holler Runde!
 |
 |
Fachlich
bestand ein Konsens auf der Holler Runde, dass sich die künftige
Bewohnerstruktur in Heimen mehrheitlich aus chronisch schwerstmehrfacherkrankten
Personen zusammensetzen wird
- die zusätzlich eine mittelschwere- bis schwere
Demenz (bei einer Zunahme an Männern) mit stark herausforderndem
Verhalten aufweisen,
- die von einer chronifizierten psychiatrischen Erkrankung
(Depression, Schizophrenie, Sucht usf.) in Kombination mit
alterstypischen Beeinträchtigungen (Geriatrie) betroffen
sind,
- die Intensivpflege in ihrer letzten Lebensphase über
einen längeren Zeitraum (Palliative Care) benötigen.
Roland Kunz (links) und Christian Müller-Hergl (rechts)
verdeutlichten die notwendigen Grundlagen für eine angemessene
Betreuung. Tenor: Ohne Fachlichkeit und Zusatzqualifikationen
geht es nicht. |
Bericht
der Social Company zur 15. Holler Runde
15. HOLLER RUNDE
Dürrmann begeistert. Das ist Aufbruchstimmung.
Berlin (scp) Begeistert zeigte sich Peter Dürrmann,
Geschäftsführer der Seniorenzentrum Holle GmbH, von der
aktuellen 15. Holler Runde. Dabei ging es um das Thema Altenhilfe
ist mehr als Pflege! und um moderne Konzepte für das
Leben von pflegebedürftigen Menschen außerhalb der vollstationären
Pflege. Dürrmann sieht die vollstationäre Pflege und die
Pflege von an Demenz erkrankten Menschen angesichts der Wünsche
der Pflegebedürftigen, nicht hinterhergekommen.
Dürrmann sagt: Wir müssen mit neuen Ideen dafür
sorgen, dass die Pflegebedürftigen möglichst lange am
Heim vorbeigehen. Die 15. Holler Runde habe dabei für
Aufbruchstimmung gesorgt. Dürrmann selbst wird zum 1. Mai 2012
mit der Einrichtung Haus Silberkamp die vollstationäre
Pflege aufgeben und das Haus komplett zu einzelnen Wohngemeinschaften
umwandeln, die ambulant und in der Tagespflege versorgt werden.
Und dies mit einem Personalschlüssel und einer Betreuung,
von der wir im vollstationären Bereich nur träumen können.
Mehr
lesen Sie im
sc-Newsletter exclusiv.
Wir
möchten darauf hinweisen, dass Sie eine ausführliche Tagungsdokumentation
zur 15. Holler Runde nachfolgend online bestellen können.
Eine ausführliche Berichterstattung zum Thema der 15. Holler
Runde erfolgt auch in der Fachzeitschrift Altenheim - Vincentz Network
- als Titelthema der Juli-Ausgabe 2012.
|